Die Pudelpyramide

Ein König wünschte sich eine Pyramide aus schwarzen Pudeln. Mitten in seinem Palasthof sollte sie stehen, und lebende Pudel sollten es sein. Er rief seinen Architekten und seinen Dompteur zu sich und beauftragte die beiden mit der Verwirklichung dieses Bauwerks. Schon sehr bald lagen sich der Architekt und der Dompteur in den Haaren. Der Dompteur warf dem Architekten vor, er hätte kein Gespür für die beschränkten Möglichkeiten, lebende Pudel als Baustoff einzusetzen. Umgekehrt bezichtigte der Architekt den Dompteur einer gewissen Ignoranz gegenüber jeglicher baulicher Vision. Beim Bestellen der Pudelanzahl trat dieser Konflikt offen zutage: Der Architekt wollte 243000 Pudel (darunter ginge gar nichts), der Dompteur ließ ab vierzehn Pudel nicht mehr mit sich reden.

Alles zog sich dahin. Der König wurde langsam ungeduldig. Tag für Tag wandelte er mit seinen Dienern und Mätressen im Hof, das königliche Mittagessen verdauend, und Tag für Tag mußte er feststellen, daß dort, wo die ersehnte Pudelpyramide errichtet werden sollte, noch immer nichts war als der öde Pflasterstein aus purem Gold. Nach drei Wochen wurde es dem König zu dumm und er zitierte die beiden Verantwortlichen zu sich. Die hatten alle möglichen Ausreden parat und rollten bunte Pläne auf. Der Architekt hatte umfangreiche Pudelbautechniken entwickelt, der Dompteur ein vollständiges Dressurprogramm, das die Pudel zum Stillstehen zwingen würde.

“Und warum sind noch keine Pudel im Hof eingetroffen?”, fragte der König.

“Es besteht noch eine kleine Meinungsverschiedenheit zwischen uns”, gab der Architekt kleinlaut zurück, “ich brauche 848600 Pudel für mein Bauprojekt…”

“…und mehr als fünf Pudel kann ich nicht verantworten”, warf der Dompteur dazwischen.

“Was gehen mich eure Zahlen an!”, schrie der König, “Ich will Taten sehen! Wenn die Pyramide bis zum Ende des Monats nicht fertig steht, lass ich Euch in Eure Pyramide einmauern!”

Die beiden rannten aus dem Palast heraus, um ja keine Sekunde Zeit zu verlieren. Innerhalb zehn Minuten einigte man sich auf 158000 Pudel und bestellte sie per Eilfracht. Zwei Tage später trafen dreiundfünfzig Lastzüge voller Gekläff im Palast ein. Drei Tage später hatte der Dompteur die Pudel soweit, daß sie nicht mehr bellten, und der ganze Palast nahm sich erleichtert die Wachspfropfen aus den Ohren. Weitere drei Tage später hielten die schwarzen Vierbeiner still wie Backsteine. Der Dompteur hypnotisierte sie der Reihe nach, reichte sie an die Maurer weiter, und der Architekt rannte Tag und Nacht mit seinen Plänen in der Hand herum und krächzte, heißer geworden, Befehle.

Die Pyramide war fast fertig, alles lief nach Plan, nur die Spitze mit dem königlichen Wappen und der Eingang (ein Bogen aus 64 starrenden Pudelköpfen) hätte noch fertiggestellt werden müssen. Da kam der König mitsamt Gefolge – und seinen Vollstreckern. Als er sah, dass die Pyramide immer noch nicht fertig war, befahl er ihnen, die beiden Pudelpyramidenbauleiter auf der Stelle einzumauern.

“Aber wieso,” protestierte der Architekt in Panik, “wir haben doch noch einen Tag Zeit!”

“Der September hat nur dreißig Tage, und der dreißigste ist heute,” sagte der König.

“Daran ist nur deine billige Armbanduhr schuld!,” schrie der Dompteur und sprang dem Architekten an die Kehle. Doch es half nichts. Die Vollstrecker entfernten Pudel für Pudel, bis sie einen Gang zur Mitte der Pyramide freigelegt hatten, die zwei wurden gefesselt hineingetragen, und dann wurde der Gang wieder mit den Pudeln zugestopft.

“Hat der nicht gesagt, wir werden in unserer eigenen Pyramide eingemauert, wenn wir nicht beizeiten fertig werden?”, meinte der Architekt.

“Ja, das hat er gesagt”, gab der Dompteur zurück.

„Warum haben wir dann das Scheißding überhaupt gebaut? Wärs nicht da, gäbs nichts zum einmauern.”

Der Dompteur wollte noch etwas erwidern, aber ihm fehlte die Luft dazu. Drei Minuten später waren beide erstickt. Bleibt noch anzumerken, daß die Pyramide auch ohne die Hilfe der beiden Eingemauerten ihren letzten Schliff erhielt und daß sie dem Reich des Königs zu weiterem Ruhm und Glanz verhalf.

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Armin Jäger schreibt Kurzgeschichten und Essays. Sein Geld verdient er als Textcoach in Unternehmen. Wenn er schnaufend den Strand von Övelgönne erreicht, die Laufschuhe auszieht und die Füße in die Elbe taucht, kann er sein Glück schwer fassen.

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