Töte mich sanft

Zwei mittelalte Männer sitzen am linken Fenstertisch im Weinlokal Zur Traube. Das tun sie jeden ersten Dienstag im Monat. Der eine spricht. Der andere fummelt hektisch ein brummendes Smartphone aus der Tasche seines Sakkos und blickt auf das Display.

„Entschuldige, da muss ich ran“, unterbricht Max. Florian wendet sich ab, nimmt die Papierserviette aus dem Besteckkorb, zupft kleine Fetzen aus ihr und formt sie zu Papierkügelchen. Ein Kügelchen nach dem anderen reiht sich auf, während Max eine hitzige Debatte über das Material von Dachterrassengeländern führt. Alu, Edelstahl – oder doch Ganzglas?

„Sorry, das war der Architekt! Wir haben doch die drei Ferienwohnungen am Darß gekauft. So, jetzt aber!“, Max lässt sein Smartphone wieder in die Innentasche gleiten. „Wie lief deine Ausstellung in Bad Salzuflen?“

Florian kehrt die Papierkügelchen mit einem Handstreich auf und ballt sie alle in der Faust zusammen. Dann öffnet er die Hand, schaut in das bröckelige Gebilde und sagt: „Max, das mit uns, das geht nicht mehr.“

„Wie bitte?! Was ist denn mit dir los!“

„Nichts. Ich glaube ganz einfach, dass unsere Freundschaft zu Ende ist.“

„Spinnst du?“, Max lässt das Glas mit seinem Lieblings-Chablis nun endgültig sinken. „Du bist doch wie mein Bruder!“, kommt es fast flehentlich. „Niemand weiß so viel über mich wie du, nicht einmal ich selbst! Unsere Freundschaft, das ist doch … der Fels in der Brandung.“

„Max, ich kann mir diese Freundschaft einfach nicht mehr leisten.“ Florian sagt das klar und deutlich, als hätte er genau diesen Satz zig Mal einstudiert wie ein Schauspieler vor einer schwierigen Rolle.

„Ich zahle das doch, überhaupt kein Problem!“ Max macht dabei eine ausschweifende Geste über den französischen Vorspeisenteller für zwei, der gerade behutsam in der Tischmitte landet.

„Genau das ist das Problem“, sagt Florian, „dass das alles überhaupt kein Problem für dich ist.“

„Flo, wenn du Hilfe brauchst. Ich weiß, dass figürliche Abstraktion gerade nicht so geht. Das hat doch nichts mit deinem Talent zu tun! Ich verfolge das alles sehr genau, auch wenn ich in deinen Augen vielleicht nur ein gelackter Anwalt bin. Ich bin mit vielen Leuten im Gespräch. Deine Zeit wird kommen, glaub mir!“

„Mag sein,“ sagt Florian tonlos.

„Und weißt du, es hat nie genügt, einfach nur genial zu malen. Geniales Selbstmarketing gehört eben dazu. Schau dir Picasso an, der hat sich perfekt inszeniert! Oder weißt du noch, der Typ zwei Klassen unter uns, der jetzt ganz groß ist, na, wie heißt der noch, der mit dem Hitlergruß und so, na, Jonathan Meese!“

„Miesss“, sagt Florian. „Wird englisch ausgesprochen, sein Vater kam aus Wales.“

„Genau, der gute alte Johnny! Der hat‘s drauf. Du, da fällt mir ein: Ich hab noch ein Weihnachtsgeschenk. Damals in meiner Burnout-Phase, da hat mir doch dieser Coach wahnsinnig geholfen. Der könnte dir jetzt echt auch guttun. Du, der arbeitet nicht von innen nach außen, sondern von außen nach innen! Das hat mir mehr gebracht als die ganze Pyschokacke! Der arbeitet nur am Habitus, also Körpersprache, Haltung, Stimme …“

„Max, hör auf!“, ruft Florian. Die Serviettenpapierkügelchen auf der Tischplatte zittern. Das Paar am Nebentisch verstummt und äugt zu ihnen hinüber. „Ich brauche sowas nicht!“

„Was brauchst du denn dann“, seufzt Max.

„Ich brauche einen kompletten Neuanfang“, murmelt Florian und umschließt seine Serviettenpapierkügelchenkugel wieder mit der Faust.

„Neuanfang! Sehr gut! Du, wenn Du eine Auszeit brauchst: Unsere Wohnung im Harz, da habe ich ein Atelier für Paula einbauen lassen. Bleib da, so lange du willst – Oberlicht, herrlicher Blick, beheizter Pool. Optimal für …“

„Max!“, unterbricht Florian. „Ich leide nicht unter meiner Erfolglosigkeit. Ich leide unter dir!“

Max lässt den Chablis wieder sinken.

„Was? Was habe ich dir denn getan!“

„Nichts. Aber dein Leben und mein Leben – Mensch, wir sind beide längst völlig anders unterwegs und du merkst es nicht. Wenn ich etwas gebraucht hätte, dann einen Freund, der in die gleiche Richtung aufbricht, einen, der denselben Gipfel vor sich sieht. Und der genau weiß, wie es sich auf unsicherem Gelände anfühlt. Du bist doch längst woanders hin abgebogen, kapierst Du das nicht!“

Max zieht sein Smartphone aus dem Jackett und fängt an zu tippen.

„Was soll DAS jetzt? Eine SMS an deinen beknackten Architekten?“

Der Akkord einer Flamencogitarre scheppert aus dem Smartphone. Dann noch einer. Dann kurze, knisternde Stille. Und dann setzt sie ein, dieser unverwechselbare Sound aus einer mal traurigen, mal wütenden Trompete. Das Weinlokal implodiert lautlos mit all seinen Gästen. Die zwei Freunde blicken sich an, längst in einem Garten am Mittelmeer gelandet. Sternenklare Nacht und salzdurchtränkte Hitze.

„Das ist unsere Hymne gewesen, Flo“, sagt Max.

„Ich weiß. Cap d’Antibes. Neunzehnhundertachtundachtzig“, ergänzt Florian.

„Das Stück höre ich heute noch!“, bekräftigt Max.

„Und? Was verbindest du heute damit“, fragt Florian.

„Das gleiche wie damals. Die totale Freiheit! Weißt du noch, die alte Villa direkt am Meer? Und diese beiden Exilrussinnen aus Paris? Wie hieß die eine doch gleich, mit der du es auf dem nackten Felsen getrie-“

„Miles Davis“, sagt Florian, tief in die Musik versunken. “Das Album ist seine Liebeserklärung an Rodrigos Konzert von Aranjuez.“

„Stimmt, der gute Miles hatte es mit Spanien“, ergänzt Max.

„Als Rodrigo dieses Konzert schrieb, hatte seine Frau eine Totgeburt. Die Erinnerung an den Garten von Aranjuez spendete ihm Trost. Dort war er mit seiner Frau immer spazieren gegangen, als die Welt noch heil und verheißungsvoll war“, erzählt Florian weiter.

„Aha“, sagt Max, neugierig heben sich seine Brauen.

„Das Album höre ich beim Malen ständig in mir selbst. Es ist das Echo meines Lebens. Lara hatte einen Hirntumor und nur noch zwei Monate. Sie wollte noch einmal das Meer sehen und das Chagall-Museum in Nizza. Und sie wollte noch einmal jemanden lieben, jemanden ‚richtig ganz verschlingen‘, wie sie sagte. Ich habe ihr versprochen, immer weiter zu malen, komme was mag. Deshalb male ich, und ich sterbe dabei. Tag für Tag. Ganz sanft. Weil ich seither nichts mehr richtig will. Weil damals das, was ich um alles in der Welt wollte, nicht sein durfte. Wie bei Rodrigo. Eine unendliche Strecke voller Trauer, auf der man durchaus auch Schönheit entdeckt.“

„Ich verstehe“, sagt Max, und nickt bedächtig.

Florian tupft den Doppelstrich auf dem Display. Die Musik verstummt. Mit einem Schlag ist wieder winternasser Boden unter ihnen. Florian blickt Max fest ins Gesicht.

„Du verwendest diesen Satz viel zu oft und voreilig“, sagt er. „So viel Verständnis hast du gar nicht, du tust nur so! Deine Victoria, mit der du es auf dem Felsen getrieben hast, um in deiner Sprache zu bleiben: Sie lebt auch nicht mehr. Die beiden hatten ein Krankenzimmer geteilt. Gib’s auf, Max. Du warst vor zwanzig Jahren schon nicht richtig bei mir. Steh doch dazu und geh ohne mich weiter. Bitte.“

„Ich verstehe.“ Max erhebt sich, drückt Florians Kopf kurz und unbeholfen an seine Brust und sagt: „Machs gut, Flo.“

Dann verschwindet er aus Florians Blickfeld. Er hört noch die Begriffe „Zusammen“ und „Bewirtungsaufwandsquittung“. Die alte Holztür presst beim Zufallen einen Luftzug herein. Die Kerzen an den Tischen flackern. Florian starrt in die Flamme. Sie kreiselt panisch und zieht sich dann bis auf einen winzigen Lichtpunkt zurück. Florian hält den Atem an, bis sie sich wieder fängt und steht. Kerzengerade, ruhig und hell.

„Kann das weg?“, fragt eine Stimme neben ihm. Die junge Frau mit den Tellern auf dem Unterarm blickt unsicher auf die Serviettenpapierkügelchen.

„Kann weg“, erwidert Florian.

Die beiden lächeln sich an. Das wäre noch so eine Geschichte, die in Altona passieren könnte.

Author Details

Armin Jäger schreibt Kurzgeschichten und Essays. Sein Geld verdient er als Textcoach in Unternehmen. Wenn er schnaufend den Strand von Övelgönne erreicht, die Laufschuhe auszieht und die Füße in die Elbe taucht, kann er sein Glück schwer fassen.

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